Heidelberger Katechismus Frage ...
Mehr Fragen als Antworten!
Die 129 Fragen des Heidelberger Katechismus - ohne die Antworten!
Welche Fragen interessieren Sie? Finden Sie Ihre eigenen Antworten?! Oder stellen Sie Ihre eigenen Fragen?!

>>> Die Fragen des Heidelberger Katechismus als pdf-Datei zum Herunterladen

1. Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

2. Was musst du wissen, damit du in diesem Trost selig leben und sterben kannst?

3. Woher erkennst du dein Elend?

4. Was fordert denn Gottes Gesetz von uns?

5. Kannst du das alles vollkommen halten?

6. Hat denn Gott den Menschen so böse und verkehrt erschaffen?

7. Woher kommt denn diese böse und verkehrte Art des Menschen?

8. Sind wir aber so böse und verkehrt, dass wir ganz und gar unfähig sind zu irgendeinem Guten und geneigt zu allem Bösen?

9. Tut denn Gott dem Menschen nicht Unrecht, wenn er in seinem Gesetz etwas fordert, was der Mensch nicht tun kann?

10. Will Gott diesen Ungehorsam ungestraft lassen?

11. Ist denn Gott nicht auch barmherzig?

12. Wenn wir also nach dem gerechten Urteil Gottes schon jetzt und ewig Strafe verdient haben, wie können wir dieser Strafe entgehen und wieder Gottes Gnade erlangen?

13. Können wir aber selbst für unsere Schuld bezahlen?

14. Kann aber irgendein Geschöpf für uns bezahlen?

15. Was für einen Mittler und Erlöser müssen wir denn suchen?

16. Warum muss er ein wahrer und gerechter Mensch sein?

17. Warum muss er zugleich wahrer Gott sein?

18. Wer ist denn dieser Mittler, der zugleich wahrer Gott und ein wahrer, gerechter Mensch ist?

19. Woher weißt du das?

20. Werden denn alle Menschen wieder durch Christus gerettet, so wie sie durch Adam verloren gegangen sind?

21. Was ist wahrer Glaube?

22. Was ist für einen Christen notwendig zu glauben?

23. Wie lautet dieses Glaubensbekenntnis?

24. Wie wird das Glaubensbekenntnis eingeteilt?

25. Warum nennst du denn drei: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, wo doch Gott nur einer ist?

26. Was glaubst du, wenn du sprichst: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde“?

27. Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?

28. Was nützt uns die Erkenntnis der Schöpfung und Vorsehung Gottes?

29. Warum wird der Sohn Gottes Jesus, das heißt „Heiland“ genannt?

30. Glauben denn auch die an den einzigen Heiland Jesus, die Heil und Seligkeit bei den Heiligen, bei sich selbst oder anderswo suchen?

31. Warum wird er Christus, das heißt „Gesalbter“ genannt?

32. Warum wirst aber du ein Christ genannt?

33. Warum heißt Jesus Christus „Gottes eingeborener Sohn“, da doch auch wir Kinder Gottes sind?

34. Warum nennst du ihn „unseren Herrn“?

35. Was bedeutet: „Empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“?

36. Was nützt es dir, dass er durch den heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau Maria geboren ist?

37. Was verstehst du unter dem Wort „gelitten“?

38. Warum hat er unter dem Richter Pontius Pilatus gelitten?

39. Bedeutet sein Tod am Kreuz mehr, als wenn er eines anderen Todes gestorben wäre?

40. Warum hat Christus den Tod erleiden müssen?

41. Warum ist er begraben worden?

42. Warum müssen wir noch sterben, obwohl Christus für uns gestorben ist?

43. Welchen weiteren Nutzen haben wir aus Opfer und Tod Christi am Kreuz?

44. Warum folgt „abgestiegen zu der Hölle“?

45. Was nützt uns die Auferstehung Christi?

46. Wie verstehst du, dass es heißt „aufgefahren in den Himmel“?

47. Ist denn Christus nicht bei uns bis ans Ende der Welt, wie er uns verheißen hat?

48. Werden aber auf diese Weise nicht Gottheit und Menschheit in Christus voneinander getrennt, wenn er nach seiner menschlichen Natur nicht überall ist, wo er nach seiner Gottheit ist?

49. Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?

50. Warum wird hinzugefügt „er sitzt zur Rechten Gottes“?

51. Was nützt uns diese Herrlichkeit unseres Hauptes Christus?

52. Was tröstet dich die Wiederkunft Christi, „zu richten die Lebenden und die Toten“?

53. Was glaubst du vom heiligen Geist?

54. Was glaubst du von der „heiligen allgemeinen christlichen Kirche“?

55. Was verstehst du unter der „Gemeinschaft der Heiligen“?

56. Was glaubst du von der „Vergebung der Sünden“?

57. Was tröstet dich die „Auferstehung der Toten“?

58. Was tröstet dich die Verheißung des ewigen Lebens?

59. Was hilft es dir aber nun, wenn du das alles glaubst?

60. Wie bist du gerecht vor Gott?

61. Warum sagst du, dass du allein durch den Glauben gerecht bist?

62. Warum können denn unsere guten Werke uns nicht ganz oder teilweise vor Gott gerecht machen?

63. Verdienen aber unsere guten Werke nichts, obwohl Gott sie doch in diesem und dem zukünftigen Leben belohnen will?

64. Macht aber diese Lehre die Menschen nicht leichtfertig und gewissenlos?

65. Wenn nun allein der Glaube uns Anteil an Christus und allen seinen Wohltaten gibt, woher kommt solcher Glaube?

66. Was sind Sakramente?

67. Sollen denn beide, Wort und Sakrament, unseren Glauben auf das Opfer Jesu Christi am Kreuz als den einzigen Grund unserer Seligkeit hinweisen?

68. Wieviel Sakramente hat Christus im Neuen Testament eingesetzt?

69. Wie wirst du in der heiligen Taufe erinnert und gewiss gemacht, dass das einmalige Opfer Christi am Kreuz dir zugut kommt?

70. Was heißt, mit dem Blut und Geist Christi gewaschen sein?

71. Wo hat Christus verheißen, dass wir so gewiss mit seinem Blut und Geist wie mit dem Taufwasser gewaschen sind?

72. Ist denn das äußerliche Wasserbad selbst die Abwaschung der Sünden?

73. Warum nennt denn der Heilige Geist die Taufe das „Bad der Wiedergeburt“ und die „Abwaschung der Sünden“?

74. Soll man auch die kleinen Kinder taufen?

75. Wie wirst du im heiligen Abendmahl erinnert und gewiss gemacht, dass du an dem einzigen Opfer Christi am Kreuz und allen seinen Gaben Anteil hast?

76. Was heißt, den gekreuzigten Leib Christi essen und sein vergossenes Blut trinken?

77. Wo hat Christus verheißen, dass er die Gläubigen so gewiss mit seinem Leib und Blut speist und tränkt, wie sie von diesem gebrochenen Brot essen und von diesem Kelch trinken?

78. Werden denn Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt?

79. Warum nennt denn Christus das Brot seinen Leib und den Kelch sein Blut oder nennt den Kelch den neuen Bund in seinem Blut, und warum spricht Paulus von der Gemeinschaft des Leibes und Blutes Jesu Christi?

80. Was ist für ein Unterschied zwischen dem Abendmahl des Herrn und der päpstlichen Messe?

81. Welche Menschen sollen zum Tisch des Herrn kommen?

82. Dürfen aber zum heiligen Abendmahl auch solche zugelassen werden, die sich in ihrem Bekenntnis und Leben als Ungläubige und Gottlose erweisen?

83. Was ist das Amt der Schlüssel?

84. Wie wird das Himmelreich durch die Predigt des heiligen Evangeliums auf- und zugeschlossen?

85. Wie wird das Himmelreich durch die christliche Bußzucht zu- und aufgeschlossen?

86. Da wir nun aus unserm Elend ganz ohne unser Verdienst aus Gnade durch Christus erlöst sind, warum sollen wir gute Werke tun?

87. Können denn auch die selig werden, die sich von ihrem undankbaren, unbußfertigen Leben nicht zu Gott bekehren?

88. Worin besteht die wahrhaftige Buße oder Bekehrung des Menschen?

89. Was heißt Absterben des alten Menschen?

90. Was heißt Auferstehen des neuen Menschen?

91. Was sind denn gute Werke?

92. Wie lautet das Gesetz des HERRN?

93. Wie werden diese Gebote eingeteilt?

94. Was fordert der Herr im ersten Gebot?

95. Was ist Götzendienst?

96. Was will Gott im zweiten Gebot?

97. Darf man denn gar kein Bild machen?

98. Dürfen denn nicht die Bilder als „der Laien Bücher“ in den Kirchen geduldet werden?

99. Was will Gott im dritten Gebot?

100. Ist es denn eine so schwere Sünde, Gottes Namen mit Schwören und Fluchen zu lästern, dass Gott auch über die zürnt, die nicht alles tun, um es zu verhindern?

101. Darf man aber überhaupt bei dem Namen Gottes einen Eid schwören?

102. Darf man auch bei den Heiligen oder anderen Geschöpfen schwören?

103. Was will Gott im vierten Gebot?

104. Was will Gott im fünften Gebot?

105. Was will Gott im sechsten Gebot?

106. Redet denn dieses Gebot nur vom Töten?

107. Haben wir das Gebot schon erfüllt, wenn wir unseren Nächsten nicht töten?

108. Was will Gott im siebenten Gebot?

109. Verbietet Gott in diesem Gebot allein den Ehebruch?

110. Was verbietet Gott im achten Gebot?

111. Was gebietet dir aber Gott in diesem Gebot?

112. Was will Gott im neunten Gebot?

113. Was will Gott im zehnten Gebot?

114. Können aber die zu Gott Bekehrten diese Gebote vollkommen halten?

115. Warum lässt uns Gott denn die zehn Gebote so eindringlich predigen, wenn sie doch in diesem Leben niemand halten kann?

116. Warum ist den Christen das Gebet nötig?

117. Was gehört zu einem Gebet, damit es Gott gefällt und von ihm erhört wird?

118. Was hat uns Gott befohlen, von ihm zu erbitten?

119. Wie lautet dieses Gebet

120. Warum hat uns Christus befohlen, Gott so anzureden: „Unser Vater“?

121. Warum wird hinzugefügt: „im Himmel“?

122. Was bedeutet die erste Bitte: „Geheiligt werde dein Name“?

123. Was bedeutet die zweite Bitte: „Dein Reich komme“?

124. Was bedeutet die dritte Bitte: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“?

125. Was bedeutet die vierte Bitte: „Unser tägliches Brot gib uns heute“?

126. Was bedeutet die fünfte Bitte: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“?

127. Was bedeutet die sechste Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“?

128. Wie beschließt du dieses Gebet: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“?

129. Was bedeutet das Wort: „Amen“?

>>> Was will ich vom (christlichen) Glauben wissen? Fragen haben, Antworten finden.

>>> Fragen haben, Antworten finden – Eine Anregung für die Arbeit in Gruppen, pdf-Datei

>>> Die Fragen des Heidelberger Katechismus als pdf-Datei zum Herunterladen



Frage 1

Predigt von Prof. Dr. Matthias Freudenberg, Saarbr├╝cken

"Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?"

Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland
Jesus Christus gehöre. 
Er hat mit seinem teuren Blut
für alle meine Sünden vollkommen bezahlt
und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst;
und er bewahrt mich so,
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel
kein Haar von meinem Haupt kann fallen,
ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. 
Darum macht er mich auch
durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens gewiss
und von Herzen willig und bereit,
ihm forthin zu leben. 
 

Liebe Gemeinde,
es war im letzten Herbst, beim Wandern, da bin ich auf die Geschichte eines jungen Mädchens gestoßen. Ihr Name: Marie Dubois. Sie lebte im 17. Jahrhundert, in Metz war sie zu Hause. Und Protestantin war sie – evangelisch in einer Stadt, in der 1687 der Protestantismus gänzlich verboten wurde. Die Evangelischen, die dort geblieben waren, wurden verfolgt, mussten in den Untergrund gehen, nicht wenige wurden zur Galeerenstrafe verurteilt. Marie Dubois machte sich auf den Weg, über 50 Kilometer ins Saarland, wo sich bereits eine Hugenottengemeinde angesiedelt hatte. Mit Marie brachen auch andere heimlich auf, einmal im Jahr, im September, um Gottesdienst zu feiern, um ihre Kinder taufen zu lassen, um das Abendmahl zu empfangen, um gemeinsam zu beten und Gott zu loben. Gott loben? Ja! Weil sie in ihrer prekären Lage an ihm festgehalten haben, wo alles andere, worauf Menschen sich verlassen, ins Wanken geraten ist.

Ich stelle mir vor, wie Marie und die anderen den Weg mit ähnlichen Gedanken gezogen sind, wie sie in Frage 1 des Heidelberger Katechismus angesprochen werden: mit dem Vertrauen, dass es in Angst und Ungewissheit tatsächlich einen Trost gibt, der einen Namen trägt: Jesus Christus; mit dem Vertrauen, dass im Angesicht der Furcht, verloren zu sein und am Ende sogar Gott verloren zu gehen, Jesus Christus jede einzelne Faser des Lebens bewahrt; und mit dem Vertrauen, dass niemand sich selbst gehört und auf sich selbst zurückgeworfen wird, sondern dass er zu Jesus Christus gehört und dieser die Menschen „von Herzen willig und bereit [macht], ihm forthin zu leben“.

Gut möglich, dass solche Vertrauensgedanken denen Halt gaben, die auf der Flucht oder auf der Zuflucht nach Gott waren. Gut möglich, dass es das Bekenntnis von La Rochelle war, das ihnen Orientierung gab: dass Gott, wie es dort heißt, „über uns wacht mit väterlicher Sorge so, dass nicht ein Haar von unserem Haupt fällt ohne seinen Willen“ (Artikel 8), und dass „der Glaube […] nicht allein für einmal gegeben wird, um sie auf den guten Weg zu führen, sondern um sie auch darauf verbleiben zu lassen bis zum Ende“ (Artikel 21). Was fast zur gleichen Zeit in der Heidelberger Provinz und in der Metropole Paris als Bekenntnis formuliert wurde, klingt gut zusammen. Vielleicht hörten die Verfasser des Heidelbergers, die ja auch Flüchtlinge waren, sehr genau auf das, was in der französischen Nachbarschaft geglaubt und gesagt wurde. Sie teilten mit ihnen das Vertrauen, dass nicht die äußeren Lebensumstände, nicht Verfolgung, Heimatlosigkeit und Elend im letzten Grund über sie entscheiden, sondern ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben Jesus Christus gehöre“.

Die Zuflucht von Marie Dubois auf sicheres Terrain ist Vergangenheit. Aber Worte wie die in Frage 1, die Menschen schon damals aufgerichtet und bestärkt haben, überspannen Zeiten und Räume und reichen hinein in unsere Gegenwart. Von der ersten bis zur letzten Frage ist der Heidelberger ein Text gegen die Ungewissheit und den Zweifel: gegen die Ungewissheit und den Zweifel, es könnte doch so sein, dass man von Gott nicht geliebt wird, dass Gott unbarmherzig ist, dass er Schuld nicht vergibt, dass man am Ende verloren geht und sich ins Nichts auflöst und alle Spuren des Lebens erst verblassen und dann vergehen. Auch Christen ist der Zweifel nicht fremd, ob es wahr ist, dass Gottes Wege weiter reichen als die je eigene Lebenszeit. Oft reicht die Hoffnung nur bis zur Grenze des Lebens, wenn überhaupt. Und danach: absolute Leere. Viele Menschen sehen das so.

Schon mit der ersten Frage rückt der Heidelberger das zurecht, was Menschen zuweilen zwischen den Händen zerrinnt: dass Gottes Treue und die seines Sohnes Jesus Christus im Leben und im Sterben – ja auch im Tod – nicht abbricht, sondern weiterreicht. Seine Treue reißt nicht ab, wo sonst alles abreißt: alle Gespräche, alle Zuneigung, alles Ausatmen und Einatmen. Ja, es gibt Grund zum Vertrauen, zum Hoffen und zum Lieben. Das geht mir schon in der ersten Katechismusfrage auf. Ich bin bei Trost, auch wenn mir das von Zeit zu Zeit nicht recht bewusst ist.

Dass es Grund zum Vertrauen und zum Hoffen gibt, ist wohl das erste, was einem bei der Lektüre von Frage 1 ins Auge sticht. Dass es aber auch Grund zum Lieben gibt, ist eine weitere Facette, die sich mir je länger je mehr in den Vordergrund drängt. Mir wurde das vor ein paar Wochen aufs Neue bewusst. Mit einer Gruppe Studierender bin ich nach Heidelberg gefahren. Dort haben wir uns die Ausstellung über den Katechismus und seine Entstehungszeit angesehen. Zwischendurch, bei Flammkuchen in der Altstadt, kam die Sprache auf den Trost von Frage 1. Nein, das klinge ihr zu negativ, zu traurig, zu sehr nach Lebensende und Todesnähe, äußerte eine Studentin: „Ich lebe doch heute, möchte glücklich sein und bin es auch!“ Das Wort Trost wirke auf sie allzu trüb, klinge nach Trostschokolade und Trostpflaster. Sie brauche etwas, das sie jetzt, mitten im Leben, stark macht, etwas, das sie in ihrem Christsein bei der Stange hält. Und so waren wir mit einem Mal beim Schluss von Frage 1: „Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist […] von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben.“

So unterschiedlich kann man Frage 1 lesen! Nicht nur als Trostwort gegen den Gotteszweifel, nicht nur als Trostwort gegen die Ungewissheit über das Jenseits des Lebens, sondern auch als Worte gegen den Stillstand im christlichen Leben, als Worte, die an der Fortsetzung des christlichen Weges interessiert sind, als Worte, die besagen: Um Jesu Christi willen könnt ihr lieben statt hassen zu müssen, könnt ihr wertschätzen statt einander herunterzumachen, könnt ihr willig und bereit sein, im Sinne Jesu Christi zu leben! Mir sind dabei drei Beobachtungen wichtig.

Meine erste Beobachtung: Dass ein freies und zum Lieben bereitwilliges Leben gelingt, liegt nicht nur an mir selbst, sondern an einer Kraft, die mir wie ein Geschenk zuwächst: an Jesu Christi Geist. In ihm macht sich Jesus Christus in meinem Leben hier und jetzt gegenwärtig. Der ganze Heidelberger redet dieser Geistesgegenwart das Wort. Präsenz Gottes, Präsenz Jesu Christi dort, wo Menschen sich fragen, ob nicht doch alles Tun und Lassen, Lieben und Sorgen umsonst sei. Für mich verbindet sich das Vertrauen, dass Gott zur Stelle ist und Jesus Christus mich zum Leben „willig und bereit“ macht, mit der Geschichte von Jakob auf der Himmelsleiter (1. Mose 28,10ff.). Da zieht einer zurück in seine Heimat, legt sich nachts nieder und träumt: träumt von einer Leiter, einer schlichten Leiter. Auf ihr steigen Engel auf und nieder. Und Gott spricht zu Jakob, ja er verspricht ihm, dass er bei ihm sein und bleiben wird. An einem Wendepunkt seines Lebens reißt nachts der Himmel über Jakob auf. Auf seinen Weg nimmt Jakob das Versprechen Gottes mit: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“ Und sagt sich selbst: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ Himmel und Erde berühren sich. Bei Tag glaubt Jakob an die Möglichkeit, dass Gott eine entscheidende Seite seines Lebens ist. Die Jakobsleiter steht dafür, dass Gott seine Gegenwart allen verspricht: denen, die wie Jakob auf der Suche oder gar auf der Flucht sind. Und denen, die schon ihr Ziel gefunden haben.

Nicht wahr, liebe Gemeinde, bei der Fortsetzung unseres christlichen Weges – in welchem Lebensalter wir auch immer sein mögen – sehnen wir uns danach, dass Gott zur Stelle ist: manchmal überraschend, unvermutet, kraftvoll oder zart, aber in allem doch sehr verlässlich. Mein Leben und Lieben hat Grund, und dieser liegt darin, dass Gott heilsam zur Stelle ist. „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ Wir verdanken es seinem Geist, dass es mitten im ganz normalen Leben Gottesgegenwart gibt. Das ist das erste.

Meine zweite Beobachtung: Die Fortsetzung des christlichen Weges geschieht in einer Bereitschaft, die von Herzen kommt. Vielleicht ist das Herz ja nicht das Organ, das einem als erstes bei den Reformierten einfällt. Oft genug stehen der Verstand und das Erkennen so sehr im Vordergrund, dass diese fast zu einem Alleinstellungsmerkmal der Reformierten werden. Ganz falsch ist das ja nicht. Aber der Heidelberger rückt die Dinge zurecht. Schon vom Glauben sagt er, dieser sei beides: eine zuverlässige Erkenntnis, aber auch ein herzliches Vertrauen. Nicht das eine ohne das andere. Erkenntnis und die Bewegung des Herzens gehören zusammen und bilden eine Einheit. Ein Glaube, der nur ein bestimmtes Wissen über Gott hat, ohne eine Beziehung zu ihm zu haben, wäre kein wahrer Glaube. Und ein Glaube, der nur aus einer diffusen Religiosität ohne ein Nachdenken über Gott bestehen würde, wäre ebenso wenig wahrer Glaube. Darum bilden die Erkenntnis und die Bewegung des Herzens ein Zwillingspaar. So auch bei unserem Handeln: Lassen wir dabei nicht nur unseren Verstand, lassen wir auch unser Herz sprechen! Etwa wenn es darum geht, Menschen in Not menschlich und achtsam zu begegnen, Flüchtlingen bei uns eine Bleibe zu bieten statt sie vor der Festung Europa zu lassen. Für mich verbindet sich die Haltung, das Herz sprechen zu lassen, mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25ff.). Er war mit Verstand und Herz bereit zum Helfen. „Es jammerte ihn“, steht im Evangelium, und Jammer ist ja geradezu eine das Herz zerreißende Regung des Menschen. Mit seinem barmherzigen Tun hat der Samariter ganz praktisch die Frage beantwortet, welchem Menschen er der Nächste war. Wo werde ich von Herzen willig und bereit, das Richtige zu tun? Wo bin ich gefragt, Nächster zu sein? Eins ist gewiss: Jesu Geist rührt nicht nur unseren Verstand, sondern auch unser Herz an, damit herzliche Spontanität und nicht kühle Berechnung unser Handeln leitet.

Schließlich meine dritte Beobachtung: Die Fortsetzung des christlichen Weges ist eine Sache von Dauer und ein Ausdruck der Nachfolge. Jesu Geist bewegt Menschen dazu, ihm nachzufolgen, und bewahrt ihr Leben vor Stillstand und Leere. Jesus Christus „forthin zu leben“ heißt dann auch, wegzukommen vom egomanischen Kreisen um sich selbst und zu einem Leben zu gelangen, das den anderen in den Blick nimmt, sich ihm zuwendet, ihm aufmerksam und wertschätzend begegnet. Leicht ist das nicht immer, ganz gewiss nicht. Gerade dann, wenn der andere es einem schwer macht, ihn zu achten und zu schätzen. Um den christlichen Weg fortzusetzen, um im Sinne Jesu Christi zu leben und das nicht nur hin und wieder einmal, ja, um Christ zu bleiben, braucht es und gibt es Hilfsmittel. Zwei davon sind dem Heidelberger besonders wichtig: die Gemeinde und das Gebet. Die Gemeinde macht mich stark und gibt mir den langen Atem, mich gemeinsam mit Anderen an Gott zu freuen. Gemeinde bricht die eigenen Grenzen auf, lässt uns einander begegnen. Gemeinde ist das, was es ohne sie nicht gäbe: Es gäbe kein gemeinsames Singen und Beten, keine Gespräche über den Glauben, kein gemeinsames Ringen um das richtige Tun. Ohne Gemeinde würde unser christlicher Weg womöglich ins Stocken geraten, mit ihr wird er begehbar und bunt. Und das Gebet? Als „wichtigste Gestalt der Dankbarkeit“ hilft es mir, mit Gott im Gespräch zu bleiben, ihm meine Unfähigkeit, das Richtige zu tun, in die Ohren zu legen, und nicht zuletzt Mut zu fassen, für das, worum ich bitte, mich auch selbst einzusetzen: um das tägliche Brot auf unserer Welt ebenso wie für die Vergebung untereinander. Wer von Herzen willig und bereit ist, Jesus Christus forthin zu leben, der zehrt von seinem Versprechen: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12)


Liebe Gemeinde, wie wäre es, diese drei Punkte zu Leitsätzen über unseren eigenen christlichen Weg zu machen: Vertraut Jesu Geist und lasst euch von ihm die Kraft zum Lieben schenken! Vergesst dabei das Herz nicht und seid barmherzig! Und vernachlässigt die Kraftquellen – die Gemeinde und das Gebet – nicht, damit ihr auf eurem christlichen Weg nicht ermattet!
Ich schließe mit einem Gebet des verstorbenen reformierten Theologen Rudolf Bohren:
„Du hebst uns zu dir empor, /
schenkst uns deine Fülle, /
gliederst uns ein in deinen Leib. /
Du erhörst unser Bitten. /
Wir schauen nicht auf das noch Unerfüllte. /
Deine Zusagen bleiben stärker als unser Nochnicht. /
Ja und Amen.”


Die Predigt wurde am 27. Oktober 2013 im Rahmen einer Predigtreihe zu Frage 1 des Heidelberger Katechismus in der Französischen Friedrichstadtkirche Berlin gehalten.