Frage 99 und 100

Predigt von Pastor Klaus Br├Âhenhorst, Hildesheim

"Was will Gott im dritten Gebot?"

Frage 99

Was will Gott im dritten Gebot?

Gott will,
dass wir weder mit Fluchen
oder mit falschem Eid,
noch mit unnötigem Schwören
seinen Namen lästern oder missbrauchen.
Wr sollen uns auch nicht
durch unser Stillschweigen und Zusehen
an solchen schrecklichen Sünden
mitschuldig machen.
Gottes heiligen Namen sollen wir
nur mit Furcht und Ehrerbietung gebrauchen,
sodass er von uns recht bekannt, angerufen
und in allen unseren Worten und Werken
gepriesen wird.

Frage 100

Ist es denn eine so schwere Sünde,
Gottes mit Schwören und Fluchen zu lästern,
dass Gott auch über die zürnt,
die nicht alles tun,
um es zu verhindern?

Ja;
denn es gibt keine Sünde, die größer ist
und Gott heftiger erzürnt,
als die Lästerung seines Namens.
Darum hat er auch befohlen,
sie mit dem Tode zu bestrafen.


Liebe Gemeinde... ich kann´s nicht lassen... ich kann´s nicht lassen, nun doch noch ein viertes Mal über Fragen aus dem Heidelberger Katechismus zu predigen... das reizt mich... das reizt mich besonders da, wo der der Heidelberger Katechismus für Ihren Geschmack vielleicht zu eindeutig ist, zu sehr schwarz-weiß malt oder übers Ziel hinausschießt. Ich vermute mal: Als Sie gerade hörten, dass in Frage 100 die Todesstrafe als Ahndung für Gotteslästerung von unserem Katechismus zitatweise angeführt wird, ich vermute mal, dass Sie da gedacht: Also nee, wie bitte? Wo bin ich denn hier? Todesstrafe für Gotteslästerung? Bin ich denn am Hindukusch? Oder bin ich in irgendeine fundamentalistisch-biblizistische Sekte geraten? Bin ich an Menschen geraten, die ohne Arg meinen, Gottes Sache zur Not auch mit dem Schwert und Galgen führen zu sollen? Wo bin ich hier? Und was schlägt mir hier ungefiltert und unabgeschwächt als kirchliches Traditionsgut entgegen? Kann es da nicht nur eines geben? Nämlich: Ablage "P" - "P" wie Papierkorb? Denn das sei ja wohl völlig unchristlich, eine solche Haltung: Todesstrafe für Gotteslästerung? Weist Jesus nicht sehr zu Recht seine Jünger zurecht, als sie Feuer und Schwefel auf das sogenannte ungastliche Samaritanerdorf fallen lassen wollen? Sagt er nicht sehr zu Recht: Wisst Ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid? Fällt er nicht sehr zu Recht seinen religiös-fanatischen Jüngern in den Arm? Gottes Sache führen - ist das nicht etwas Mildes, Sanftes, Geduldiges, ja: sogar: zum Leiden Bereites? Muss es das nicht sein? Und zwar: Immer? Traugott Giesen schreibt in seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses: lieber entschuldigen als verurteilen, lieber dienen als herrschen, lieber abgewiesen werden, als nicht besucht zu haben, lieber Frieden anbieten, als Feindschaft zementieren, lieber beschimpft werden, als das letzte Wort haben, lieber mehr geben als zu wenig. Ist nicht allein so Gottes Sache zu führen: menschlich und milde... und eben darum nicht militant... nicht militant - auch nicht unter Berufung auf die Bibel ? Neben Frage 100 ist im Heidelberger ja eine Bibelstelle angegeben, als Beleg, als Erlaubnis, als Anweisung: 3. Mose 24, 15 bis 16. Da steht: Wer des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben. Es ist, als ob der Katechismus sagen wollte: Steht doch da. Steht doch geschrieben. Ja, steht geschrieben. Aber: Muss man das wörtlich nehmen? Ja, darf man das wörtlich nehmen? Im Jahre 2001 wurden im Internet Fragen veröffentlicht, die eine Frau namens Laura Schlesinger aufs Korn nehmen. Laura Schlesinger moderiert in den USA ihre eigene Show im Radio und erteilt dabei Ratschläge, Ratschläge, die sie mir-nichts-dir-nichts meint, direkt der Bibel entnehmen zu können. Ein Mann namens Jake fragte sie daraufhin: Liebe Laura, 3. Mose 25,44 stellt fest, dass ich Sklaven besitzen darf, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, dass würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären. (Weiter:) In 3. Mose 21, 20 wird dargelegt, dass ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muss zugeben, dass ich eine Lesebrille trage. Muss meine Sehkraft perfekt sein und gibt es hier ein wenig Spielraum? (Schließlich:) Ich würde gern meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie in 2. Mose 21, 7 erlaubt. Was wäre heutzutage ein angemessener Preis für sie? Sie merken: Der Mann namens Jake will keine Antwort. Er will etwas sagen. Er will sagen: Liebe Laura, was du da machst, nämlich so mir-nicht-dir-nichts Ratschläge und Verordnungen der Bibel für heute verbindlich zu erklären - das geht nicht. Das geht nicht, weil Du den Unterschied der Zeiten unterschlägst, den Unterschied der Lebensverhältnisse, den Unterschied auch, dass es für uns heute fraglose Autoritäten nicht mehr gibt; und das eben auch deshalb, weil wir mit fraglosen Autoritäten schlechte und unmenschliche Erfahrungen gemacht haben. Wer des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben... 3. Mose 24, 16? Nein, nicht wahr. Nein. Steht zwar in der Bibel. Aber ist nicht mehr unsere Welt. Wir würden unmenschlich drüber. Aber damit bin ich noch nicht fertig; denn wie ist das nicht mit der Ahndung, mit der Strafe... wie ist das mit dem Tatbestand als solchem: Gotteslästerung? Gibt es das noch: Gotteslästerung? Kommt das vor? Und ist das eine Sünde, eine schwere gar, wie es unser Katechismus sagt? Oder ist das halt eine Meinung, eine Meinung, die auf dem Markt der Meinungen von denen, die andere Meinung sind, einfach schlicht und ergreifend auszuhalten wäre? Der Heidelberger Katechismus sagt: Es gibt keine Sünde, die größer ist. Und ich merke: unser Katechismus gewichtet da etwas, gewichtet da etwas so sehr, dass ich mich fragen muss: Würde ich das auch so machen? Denn auf diese Gewichtung: keine Sünde, die größer ist... auf diese Gewichtung muss man erst ´mal kommen. Wenn Menschen irgendeines der 10 Gebote überhaupt noch für wichtig erachten, dann ist es: Du sollst nicht töten. Ums Leben bringen, ums Leben betrügen, das Leben nehmen - es gibt keine Sünde, die größer ist... ja, da würden wohl etliche zustimmen: keine größere Sünde! Aber: Den Namen des Herrn missbrauchen, den Namen des Herrn zum Nichtigen führen, Schindluder mit diesem Namen treiben... das soll die Sünde sein, über die hinaus es keine größere gibt? Wie seltsam! Ja, seltsam. Aber auch nachdenkenswert, nicht wahr? Mehr als ich es darlegen kann, ahne ich, dass uns da etwas verlorengegangen ist, dass uns etwas vom öffentlichen Charakter von Kirche, Gemeinde und Glauben verlorengegangen ist... ja, noch mehr: dass uns etwas vom öffentlichen Charakter von Gott selbst verlorengegangen ist, ein öffentlicher Charakter, den ich nicht militant umgesetzt haben möchte... von dem ich aber denke, dass sich seine Missachtung dann und wann als Schmerz in deinem und meinem Innern äußert, als Stich nicht nur hier, auch hier. Nicht wahr: Tut dir doch manchmal weh, wie achtlos und verachtend, wie spöttisch und spöttelnd, wie schlechtmachend, wie ehrfurchtslos von Deinem Gott gesprochen wird. Tut dir manchmal weh. Es ist die Wahrheit dieses Schmerzes, die ich in den Fragen 99 und 100 in unserem Katechismus wiederfinde. Es ist nicht die Wahrheit ihrer Wortwahl, die ich verteidigen will, wohl aber die Wahrheit ihres Schmerzes. Kann man von Gott reden... ohne in dieser Weise verletzlich zu sein? Ich meine nicht. Vor Jahren gab es bei uns im Konfirmandenunterricht einen Zwischenfall, so am Rande. Alle haben das nicht mitbekommen. Ich aber schon: Ein Mädchen, ein Mädchen, das sonst immer munter und selbstbewusst vornean war, weinte. Es weinte schier verzweifelt. Ein anderes Mädchen nämlich hatte die Mutter dieses Mädchens schlechtgemacht. Nun, hätte man ja sagen können: Ist doch egal. Lass die reden. Aber so einfach war das nicht aus der Welt zu schaffen. Das Mädchen, das so weinte, war tief getroffen. Ihr Lebenshalt war getroffen. Es kostete mich einige Mühe, dass sich das Mädchen wieder beruhigte. Und ich spürte: Das war mehr als ein familiärer Schulterschluss, der da verächtlich gemacht worden war. Das war das Mädchen selbst in der Geborgenheit und Liebe, welche es bei seiner Mutter fand, das da verächtlich gemacht worden war. Das Mädchen selbst in seiner Seele. Und nun sieh: Wenn Dir Gott nicht einfach nur ein Gedankenspiel ist, sondern mehr... wenn er der gute Grund Deines Lebens ist... wenn Du mit Jochen Klepper sagen kannst: Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, / ohne Gott ein Tropfen in der Glut, / ohne Gott bin ich ein Gras im Sand / und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. / Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, / bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft. ...wenn du das so sagen kannst, weil dir Gott eben mehr ist als eine Buchstabenfolge, wenn er dir Halt ist, Trost und Hoffnung... dann bist du auch verletzt, wenn jemand den Namen des Herrn deines Gottes verächtlich macht, ihn missbraucht und zum Nichtigen führt... und dann darfst du das auch zeigen, dass das so ist... ja, unserem Katechismus zufolge sollst du das auch zeigen, dass das so ist, sollst dich an gotteslästerlichem Verhalten nicht mitschuldig machen. 1911 schreibt Albert Schweitzer an seine Bekannte Helene Bresslau, dass er gerade bei seinem Bruder und dessen Frau zu Besuch sei. "Ihr Haus ist wunderschön, und sie sind sehr lieb zu mir", erzählt Schweitzer. Aber dann ändert sich der Tonfall. "Heute morgen war ich sehr traurig. Sie sind nicht kirchlich. Ich musste allein in die Kirche gehen und hätte weinen mögen. Ich habe (mit) ihnen sehr ernst darüber geredet heute Nachmittag. Ich fühle..., wie das schönste Band fehlen wird und wie sie mir innerlich fremd und gleichgültig werden würden, wenn sie eben so zu bourgeois (zu kleinbürgerlich) würden, (Menschen) die keinen Sonntag und also kein Sinnen auf das Reich Gottes mehr kennen." "...ich hätte weinen mögen..." Albert Schweitzer... am 17.9.1911... lässt es nicht beim Weinen, sondern spricht mit seinem Bruder und dessen Frau ein ernstes Wort... sagt: So geht es nicht. Und hat damit unseren Katechismus auf seiner Seite... denn: Wir sollen uns auch nicht durch Stillschweigen und Zusehen... mitschuldig machen... sollen wir nicht... "...ich hätte weinen mögen..." Nicht wahr: Tut dir doch manchmal weh, wie achtlos und verachtend, wie spöttisch und spöttelnd, wie schlechtmachend, wie ehrfurchtslos von Deinem Gott gesprochen wird... Tut dir manchmal weh... dass das so ganz weg ist aus dem allgemeinen Bewusstsein: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Aber du bist nicht machtlos. Du kannst etwas dagegensetzen; kein Schwert, keine Faust, keine Drohungen und Verwünschungen, sondern schlicht das Beispiel, das du selber gibst... du kannst zeigen: mir aber... mir ist das wichtig... mir schon. Vor kurzem kamen wir im kleinen Kreis auf das Thema, wie offen oder wie zurückhaltend Christen über ihren Glauben reden sollten... jemand - jemand, der sich durchaus als Christ verstand und als Mitglied der Kirche  -jemand meinte, dazu möchte er nun wirklich nicht befragt werden; eine solche Frage würde er zurückweisen ¬ genauso wie die Frage, wie oft er denn mit seiner Frau schliefe. Nun, ich meine: das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, oder? Oder täusche ich mich? Ich sehe da keine Verbindung. Die einzige Verbindung wäre wohl die, dass jener Mann meinte, wenn er nach seinem Glauben gefragt würde, wäre ihm das genierlich. Ja, er sah das wohl so. Und ich fürchte: Das sehen viele so. Intimchristen, sozusagen. Ist aber falsch: so ´was. Es gibt Menschen - gebe ich zu- (es gibt Menschen),  die sind das Gegenteil, die kennen keine Scham und ballern christlich auf alles, was sich bewegt. Die meine ich nicht. Die sind auch nicht hier. Ich meine uns: die Realos und Normalos. Uns darf das nicht verlorengehen... dies: ist mir aber wichtig, mir schon... uns darf das nicht verlorengehen: das "ich hätte weinen mögen" Albert Schweitzers, der seinen Bruder kleinbürgerlich am großen Ziel des Reiches Gottes vorbeileben sah. Todesstrafe für Gotteslästerung? Rübe ab? Nein. Bloß nicht. Rübe drauflassen und benutzen. Vor allen Dingen: die eigene. Das hat noch nie geschadet. Und wenn das Herz dazukommt, dann wird´s richtig gut.
Amen

Gehalten am 29. Oktober 2010 in der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Hildesheim