Heidelberger Katechismus Frage ...
Mehr Fragen als Antworten!
Die 129 Fragen des Heidelberger Katechismus - ohne die Antworten!
Welche Fragen interessieren Sie? Finden Sie Ihre eigenen Antworten?! Oder stellen Sie Ihre eigenen Fragen?!


Den Heidelberger (anders) hören
Dieser Text regt zum eigenen (Weiter-)Denken an!
Ein Veranstaltungsvorschlag


Warum Frage 1 auf den Index der jugendgefährdenden Schriften gehört.

Ein Einspruch gegen eine Verklärung der meistzitierten Frage des Heidelberger Katechismus

Von Gudrun Kuhn

Viel müssen sie ja nicht mehr lernen, unsere Konfirmanden. Aber eines gehört zum Pflicht­pro­gramm: Frage 1 des Heidelberger Katechismus. Womöglich steht diese ja sogar noch wie zu meiner Zeit auf dem Deckblatt der Konfirmationsurkunde. Darüber scheint es in unserer Kirche keinerlei Dissens zu geben.

Wissen wir eigentlich, was wir tun? Was sagen unsere jungen Christinnen und Christen da auswendig auf?

… der mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst hat und so bewahrt, dass ohne den Willen meines Vaters kein Haar von meinem Haupt fallen kann …

Das also soll sie trösten und ermutigen, ihren Ort in der Kirche zu finden und einen Weg des Glaubens einzuschlagen. Das also geben wir ihnen mit.

Nichts ist in den letzten 30 Jahren an den Hochschulen und auf den Kanzeln, in den theo­lo­gi­­schen Fachzeitschriften und in den populären christlichen Magazinen mehr diskutiert (und meist verworfen) wor­­den als diese drei Lehrsätze der dogmatischen Orthodoxie. Nichts hat in den letzten 30 Jahren mehr Menschen in und außerhalb der Kirchen verun­si­chert, ja häufig auch vom Glauben abgebracht. Nichts versetzt uns seit den letzten 30 Jahren mehr in Rechtfertigungszwang gegenüber an­de­ren Religionen.

Dabei sind es lauter Sackgassen, in die sich Theologen verirrt haben, weil sie zu fantasielos oder zu zwanghaft waren, um die poetische Sprache der Bibel, insbesondere des Paulus und der Jesaja-Bücher zu verstehen, ohne sie in ein festgeprägtes Deutemuster einzuengen.

1. Die juristische Falle

Von bezahlen reden die biblischen Autoren gerne: Erlösung kommt von Auslösen. Lösegeld muss­te man bezahlen, um einzelne Menschen oder Gruppen von Geißeln zu befreien. So konn­te die Vokabel zum Haupt-Wort für die Befreiungstaten des Gottes Israels und Vaters Jesu Christi werden. Eine Metapher ohne allzu enge Bedeutungsgrenze, ein wunderbares Verheißungswort.

Und was hat Anselm von Canterbury, auf den sich unser Heidelberger beruft wie Luther und wie das Tridentinum – da sind sie sich ja alle einig gewesen – was hat der angelsächsische Scholastiker daraus gemacht: ein juristisches Gleichnis. Da werden Sünden Straf­ma­ße zu­ge­rechnet, da wacht ein strenger göttlicher Gerichtshof über eine ausgleichende Ge­­rech­tig­keit, da muss vergolten werden, was verschuldet ist. Gnadenlos. Und weil schreck­li­cher­wei­se der Richter Strafen verhängt, die keiner der Beschuldigten überhaupt bezahlen kann, muss Blut fließen. Ein Unschuldiger muss herhalten dafür. Satisfaktion wird ge­for­dert. Gott muss Mensch werden. Mit höchster logischer Geistesschärfe hat das Anselm ent­wic­kelt: Cur deus homo ....

Seien Sie doch ehrlich! Haben wir uns nicht längst von dieser Vergeltungsidee befreit? Glücklicherweise. Aber unseren Konfirmanden muten wir sie zu.

Erinnern Sie sich noch? Die Älteren unter uns? So hat man es uns eingeredet: Da hat der ar­me Herr Jesus sterben müssen, weil wir so böse sind, weil wir gelogen haben, unsere Lehrer ge­ärgert haben und sonst noch irgendwas. Was kann man als Jugendlicher unter per­sön­li­cher Sünde ver­stehen? Alle meine Sünden… Was, bitte, sollen sich unsere Vier­zehn­jäh­rigen darunter vorstellen?

Wo ist im Katechismus die Rede von Sünde, wie Paulus sie versteht? Vom „Ver­blen­dungs­zu­sammenhang“ (Adorno)? Von der strukturellen Unvollkommenheit? Von der Hilflosigkeit, die unsere Konfirmanden heimsucht, wenn sie z.B. an die Zukunft der aus­ge­beu­teten Erde den­ken? Oder an die Schwierigkeit, erwachsen zu werden und selbständig Ver­antwortung zu übernehmen?

Da suchen sie nach Antworten. Wir aber lassen sie lernen, dass Jesu Blut der Preis einer un­­geheuerlichen Sühneforderung eines erbarmungslosen Richters war.

2. Die kaufmännische Falle

Aber nehmen wir einmal an, das scholastische Justiz-Szenario für die Erlösungs-Metapher ist an den Konfirmanden schadlos vorübergegangen. Etwas anderes dürfte für sie ohnehin von größerem Interesse sein. Etwas, wobei sie sich allerdings wesentlich besser auskennen als wir: der Teufel. Das muss man ihnen nicht erklären, dass der Satan blutige Genugtuung for­dert, dass man in seine Fänge geraten kann und dass er am liebsten unschuldige Opfer quält. Das können sie sich auf zahlreichen Internetseiten herunterladen. Satanismus ist in. Und wer noch nicht zu entsprechendem Horrorkitzel verführt wurde, wird im Deutsch­un­ter­richt mit Seelenkauf und mephistophelischem Handel auf höchstem Dichterniveau bekannt gemacht. Da ist unser Katechismus noch vergleichsweise harmlos.

… und mich aus aller Gewalt des Teufels befreit hat …

Das ist der Ursprung all der hochliterarischen wie der trivialen Teufelsmythen. Weil man die Er­­lö­­sungs­-Metapher in ein banales Alltagsdeutemuster entwertet hat! Schon Tertullian mein­te, man müsse den bei Paulus fehlenden Verkäufer beim Loskauf des Sünders dingfest ma­chen: Nur der Teufel kann es sein, der das Blut Jesu verlangt, damit die Sünder befreit wer­den kön­­nen. Sie halten das für Unsinn? Sie kämpfen an gegen Satanismus und die Lust an Op­fer­­ritualen? Ja? Aber unsere Konfirmanden sollen so etwas aus dem Katechismus aus­wen­dig lernen!

3. Die Omnipotenz-Falle

Jedes Handbuch der Theologe stellt heute lapidar fest, dass das Allmachtsprädikat Gottes ein Erbe der griechi­schen Metaphysik ist. Der biblische Gott ist einer, der wechselweise sich im Handeln offenbart oder im Unerklärlichen verbirgt, aber keiner, der durch logische Be­stim­mun­gen durchdacht werden kann. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste, was wir unseren Kon­­firmanden vermitteln müssen, wenn wir sie fit machen wollen für Diskussionen mit Nicht­chris­ten. Der Gott der Philosophen ist schließlich längst an der Theodizee-Frage verstorben.

Aber so weit konnten unsere humanistisch gebildeten Reformatoren mit ihrer aristotelisch-stoi­schen Gottesvorstellung noch nicht denken. Darum gingen ihnen Sätze über den Willen Got­tes ja auch ohne Skrupel von den Lippen.

… dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen.

Schön, sagt sich die Vierzehnjährige. Dann muss auch der Umkehrschluss gelten: Dann ist es also der Wille Gottes, dass meine Freundin missbraucht wurde, mein Freund vom Auto er­­fasst wurde und Tausende durch Naturkatastrophen sterben.

Warum sollen wir unsere jungen Christinnen und Christen Sätze auswendig lernen lassen, die wir gleichzeitig mit großer Mühe und spitzfindigen Erklärungen erst wieder zurechtrücken müs­sen? Dabei steht doch inzwischen in jedem Religionsbuch, was die Älteren unter uns sei­­­ner­zeit als große Befreiung empfunden haben:

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen

was soll jetzt ohne ihn werden?
was ist seine frau ohne ihn?
wer spielt mit den kindern?
wer ersetzt einen freund?
wer hat die neuen ideen?

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen

im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand:
wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips

Kurt Marti (aus: Leichenreden)

Nein, für die religiösen Fragen unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden müssen wir an­de­­re Antworten finden als der ehrwürdige Katechismus! Denn sie stellen auch andere Frau­gen als die Menschen im 16. Jahrhundert.

Wie war das doch noch mit dem reformatorischen Grundsatz der ecclesia semper re­for­man­da? Gehört dieser Gedanke nicht zum Haupterbe unserer Tradition?

Natürlich bleibt der Heidelberger Katechismus ein großartiges Dokument des Ringens um eine aussagbare Wahrheit des Glaubens. Aber man kann die Jahrhunderte, die uns von ihm tren­­nen, nicht dadurch überbrücken, dass man ein­zel­ne Formulierung dem zeitgenössischen Sprach­­­gebrauch anpasst (und ihn – nebenbei bemerkt – dadurch seiner beeindruckenden Sprach­­gewalt beraubt!). Was nützt das, wenn viele der Inhalte obsolet sind? Oder wenn man ein Theologiestudium braucht, um sie in ihrer zeitbedingten dogmatischen Prägung be­ur­tei­len zu können. Was nützt dir dies? ist eine Lieblingsfrage des Heidelbergers. Ich denke, sei­ne Verfasser hätten nichts gegen meine Frage: Was nützt uns der Heidelberger Ka­te­chis­mus?

Das ist eine falsche Ehrfurcht vor der Tradition, wenn man sie nur kanonisiert und dann der kri­­tiklosen Verehrung preisgibt. Luther hat die Hymnen und Sequenzen der alten Kirche nicht nur ins Deutsche übersetzt, er hat sie dabei neu im Lichte seiner Einsichten gedeutet. Und auch der Genfer Psalter hat die Vor­stel­lungs­welt der Psalmen in die eigene Zeit über­tra­gen.

Und wir? Wir lassen unsere Kinder Formeln auswendig lernen, die längst nicht mehr zu un­se­­rer eigenen Glaubenspraxis gehören.
Wie wäre es, wenn wir den Mut und die Kreativität hätten, die alten Sätze des Heidelbergers mit neuem Leben zu füllen, indem wir in unseren eigenen Worten und Bildern ausdrücken, wie wir die einschlägigen Formulierungen bei Paulus und den Propheten verstehen, was uns ERLÖSUNG bedeutet?

Dr. Gudrun Kuhn