Aus dem Walbauch ausgespuckt

Predigt zu Jona 2, 1-11


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Von Stephan Schaar

Friede sei mit euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt! AMEN.

Liebe Gemeinde,

ich möchte Sie und Euch heute zu einem Osterspaziergang der besonderen Art einladen. Wir werden dabei keine Eier suchen, und unsere Gewässer sind - gottlob - schon seit einiger Zeit “vom Eise befreit”. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Kirche sich nicht als eine der “ehrwürdigen Nacht” erweist. Die Nacht ist ja vorüber, der neue Tag hat längst begonnen - der Ostertag II.

Wir hören einen zur Auslegung empfohlenen Text aus dem Ersten Testament, und zwar das Kapitel 2 des kleinen Prophetenbuches Jona. Doch zuvor noch ein paar wenige Informationen zu den Zeilen, die ich gleich lesen werde: Das Buch Jona erzählt die Geschichte eines frommen Eiferers, der es vorzieht, über das Meer zu entfliehen, statt sich Gottes Auftrag zu stellen, Ninive zur Buße zu rufen.

Zwar ist er sich dessen bewusst, daß man sich dem allmächtigen Herrn des Himmels und der Erde nicht wirklich entziehen kann; aber er versucht trotzdem sein Möglichstes und reist über das Mittelmeer nach Westen. Gott zwingt ihn, sich der Schiffsbesatzung gegenüber zu offenbaren als die Person, deretwegen es zu einem heftigen Sturm kam. Im Unterschied zu allen übrigen an Bord weigert sich Jona, seinen Gott um Hilfe anzuflehen. Obwohl sie das eigentlich ablehnen, willigen die Seeleute schließlich doch ein, das Problem dadurch zu beseitigen, dass sie Jona über die Reling werfen. Und tatsächlich beruhigt sich das Meer augenblicklich.

Nach unseren Versen, die augenscheinlich den Erzählzusammenhang nicht nur unterbrechen, sondern geradezu stören, wird weiter erzählt: Der Prophet, soeben dem Tod von der Schippe gehopst, führt missmutig Gottes Auftrag aus und erlebt mit, was er ahnte - dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als sein Zorn: Ninive tut tatsächlich Buße und wird verschont, was Jona dazu bringt, sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen.

Doch mittendrin - als er, von einem Wal verschluckt, das drohende Ertrinken überlebt - betet der Gottesmann, und das hören wir uns jetzt mal an:

1 Der Herr ließ einen großen Fisch kommen, der Jona verschlingen sollte. Und drei Tage und drei Nächte lang war Jona im Bauch des Fisches.
2 Und aus dem Bauch des Fisches betete Jona zum Herrn, seinem Gott,
3 und er sprach: Als ich in Not war, rief ich zum Herrn, und er hat mich erhört.
Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe, du hast meine Stimme gehört.
4 Du hattest mich in die Tiefe geworfen, mitten ins weite Meer, und die Strömung umspülte mich, all deine Wogen und deine Wellen gingen über mich hinweg.
5 Und ich, ich sprach: Ich bin verstoßen, deinen Augen entzogen!
Doch ich werde wieder aufblicken zu deinem heiligen Tempel!
6 Das Wasser stand mir bis zum Hals, die Flut umspülte mich, Schilf hatte sich um meinen Kopf gewickelt.
7 Zum Fuß der Berge war ich hinabgefahren, die Erde - ihre Riegel schlossen sich hinter mir für immer.
Da hast du mein Leben aus der Grube gezogen, Herr, mein Gott!
8 Als meine Lebenskraft sich mir versagte, erinnerte ich mich des Herrn, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.
9 Die nichtige Götzen verehren, lassen ihre Hilfe fahren.
10 Ich aber will dir Opfer schlachten mit lautem Danken, was ich gelobt habe, will ich erfüllen! Die Hilfe ist beim Herrn!
11 Und der Herr sprach zum Fisch, und dieser spie Jona aufs Trockene.

Ende gut, alles gut?

Für Jona - ich sagte es schon - stellt es sich anders dar: Gegen seine Intention preist er Gott, den er für viel zu nachgiebig hält, als den, der ebenso barmherzig wie allmächtig ist. Wenn wir uns in Gedanken auf diesen “Osterspaziergang” begeben, dann tragen uns nicht mehr die eigenen Füße, sondern wir hocken im “Bauch” des Seeungetüms - und das ist kein Ort, von dem man nach drei Tagen lebendig wieder fortgeht!

Aber das Prophetenbüchlein stellt es so hin, als sei es möglich - also lassen wir uns heute mal auf diese Bildersprache ein. In unserem Psalm heißt es ja: Du hattest mich in die Tiefe geworfen, mitten ins weite Meer, und die Strömung umspülte mich, all deine Wogen und deine Wellen gingen über mich hinweg. Und zwei Zeilen später: Das Wasser stand mir bis zum Hals, die Flut umspülte mich, Schilf hatte sich um meinen Kopf gewickelt.

Sei es nun Schilf oder meinetwegen Seetang: Auf eine äußerliche Beschreibung seiner Situation verzichtet “Jona” nicht, aber im Kern geht es doch darum, dass hier einer ganz unten angekommen ist: Zum Fuß der Berge war ich hinabgefahren, die Erde - ihre Riegel schlossen sich hinter mir für immer. Er hat den - von vornherein aussichtslosen - Versuch unternommen, sich von Gott davonzustehlen, er hat sich die Ohren zugehalten, nachdem ihn Gottes Ruf erreicht hatte: Alles, bloß nicht diesen Job machen!

Wenn es darum gegangen wäre, ihn zu den gottlosen Menschen zu schicken, und Jona gemutmaßt hätte, daß man ihn dort auslacht oder misshandelt, am Ende gar tötet: Wir hätten wohl Verständnis für seine Weigerung, zu gehen. Aber er fürchtet gerade nicht den Misserfolg, sondern er hält es für unangemessen, diesen gottlosen Sündern und Leugnern eine weitere Chance zu geben, ihr bisheriges Verhalten zu überdenken und ihr Leben zu ändern.

Jona ist insoweit die Stimme des Stammtisches, der die Welt in “gut” und “böse” unterteilt und nicht hinzunehmen bereit ist, daß sich daran etwas ändert. - Nicht einmal, wenn es Gott selbst ist, dessen Stimme zur Umkehr ruft. Und als merke er nicht, in welche Absurdität das führt, ruft er nun denjenigen um Hilfe an, dessen Hilfsbereitschaft für andere er heftig kritisiert.

Jona ist also im Grunde genommen einer “wie du und ich”, nur vielleicht etwas frommer als die meisten von uns. Vermutlich waren viele von uns schon in einer vergleichbaren Lage - natürlich nicht als Leute, die Gottes Auftrag hören und dann weglaufen, aber als Menschen, die das Gefühl haben, in eine aussichtslose Situation geraten zu sein und sich womöglich von Gott verlassen wähnen. In Jonas Fall liegt es auf der Hand: Er hat sich seine missliche Lage selbst zuzuschreiben.

Was er da betet, trifft ja womöglich auch auf den Propheten und eventuell auch auf uns zu: Die nichtige Götzen verehren, lassen ihre Hilfe fahren.
Die Verehrung von Götzen ist bei uns kein religiöses Ritual, wie man sich das im Umfeld des Alten Israel bildhaft vorstellen mag - mit Opferstätten und heiligen Handlungen -, aber das heißt ja keinesfalls, daß es dieses Phänomen bei uns nicht gäbe.

Im Augenblick, habe ich den Eindruck, dämmert uns zumindest, dass wir dem Dämon “Wohlstand” mit seinem Adlatus “Wettbewerb” zu viel zugetraut und uns abhängig gemacht haben. Jetzt, da Frieden in der Ukraine, in Europa und in der ganzen Welt wieder zu unseren Prioritäten zählt, ahnen wir zumindest, dass nicht alle unsere Entscheidungen miteinander harmonieren, dass wir womöglich Verzicht üben - wenn nicht gar unsere Lebensweise grundsätzlich ändern - müssen, wenn weder Krieg noch Klimakatastrophe für uns hinnehmbar sind.

Ja, Jona, wir sind ganz bei dir! Wir sitzen im Matsch, und uns geht die Puste aus. Wir hätten vielleicht etwas eher auf den Trichter kommen sollen, uns nicht so stark von einem einzigen Energielieferanten abhängig zu machen... Hätte, hätte - Fahrradkette! Aber vielleicht ist es doch noch nicht zu spät. Vielleicht hat Gott ein Einsehen auch bei denen, die vermeintlich alles besser wissen und sich eigentlich von niemandem helfen lassen wollen, sondern am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen möchten.

Ohne Gottes Eingreifen ist Jona dazu verurteilt, in seiner “Grube” zu verweilen. Dieses Grab - und die Erwähnung dreier Tage, die er darin verbringen musste - ist wohl der äußerliche Grund dafür, dass man diesen Text für das Osterfest ausgewählt hat. Obwohl seine Biografie sich in nichts mit dem Leben und Sterben Jesu vergleichen lässt.

Aber in einem - wichtigen! - Punkt gibt es doch eine Übereinstimmung: Es ist nämlich weder Jesu Tat noch Jonas Aktivität, die ihn vom Tod zum Leben bringt. Dies vollbringt allein Gott: Er weckt den Toten auf, ruft ihn zurück ins Leben. Das einzige, was der widerspenstige Prophet dazu beiträgt, ist, dass er nun doch tut, was er auf dem Schiff inmitten des Seesturms noch vehement verweigert hatte: Er ruft Gott an, fleht um Hilfe.

Zwar fehlt ein Bekenntnis seines Versagens und eine Bitte um Vergebung - und was wir hier an Lobpreis zu hören bekamen, kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen als ein Gebet, das mitten in der Not gesprochen wird; das muss wohl nach all den Ereignissen hinzugefügt worden sein. Aber in der Not tut Jona - endlich - seinen Mund auf und ruft zu Gott: “Ich bin am Boden, hilf mir auf!”

Und Gott hilft. Gott holt den von ihm Fernen zu sich, bringt den, der im Grab liegt, ans Licht: Der “Fisch” kotzt ihn aus, heißt es wörtlich. Ein bisschen Strafe muss sein!

Aber Gott bringt den Getöteten wieder ins Leben und spricht ihn erneut an, gibt ihm einen Auftrag: Geh und sage...

Und genau dasselbe ist auch uns (ob ausgekotzt oder einfach nur ausgeschlafen) gesagt an diesem Ostermorgen: Steh auf und mach dich auf den Weg, ich habe etwas vor mit dir - verbreite die Botschaft von Gottes Liebe und Vergebung, und zwar gerade dort, wo man am allerwenigsten damit rechnet!

Amen.


Stephan Schaar