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Die 129 Fragen des Heidelberger Katechismus - ohne die Antworten!
Finden Sie Ihre eigenen Antworten?!
Der Heidelberger Katechismus in der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen
Interview mit Dr. Gerrit Jan Beuker, Laar und Fritz Baarlink, Veldhausen
In der Ev.-altreformierten Kirche in Niedersachsen gehört der Heidelberger Katechismus zu den Bekenntnisgrundlagen. In vielen Gemeinden kommt der Katechismus deshalb in der Gemeindearbeit vor, nicht nur im Unterricht, sondern auch im Gottesdienst und in der Seelsorge.

Dr. Gerrit Jan Beuker Fritz Baarlink
Das folgende Interview mit Dr. Gerrit Jan Beuker und Fritz Baarlink gibt Einblick in die heutige Praxis. Baarlink ist Pastor in der Ev.- altreformierten Gemeinde Veldhausen und der derzeitige Präses der Synode der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen.
Dr. Beuker ist Pastor der Ev.-altreformierten Gemeinde in Laar und seit anderthalb Jahren auch Pastor der dortigen Ev.-reformierten Gemeinde. In der Synode bekleidet er das Amt des Sekretärs.
Siller: In der altreformierten Kirche ist es in vielen Gemeinden üblich, in einem zweiten Gottesdienst am Sonntag anhand des Heidelberger Katechismus zu predigen. Welche Erfahrungen haben Sie damit in Ihrer Gemeinde gemacht?
Beuker: Etwa ein Drittel der 14 altreformierten Gemeinden hat keinen zweiten Gottesdienst mehr, ein weiteres Drittel denkt darüber nach, ihn aufzugeben. Auch in den übrigen Gemeinden ist der Besuch des zweiten Gottesdienstes rückläufig. Hier sind zwischen zwanzig und dreißig Prozent der Gemeindeglieder nachmittags anwesend. Vor allem ältere Gemeindeglieder möchten gerne einen wie immer gearteten „Lehrgottesdienst“. Lehrgottesdienste, in denen die Gemeinde etwas „sehen“ kann (Folien, Graphiken, Beamer, Texte) und wo Prediger und Gemeinde wenigstens ansatzweise ins Gespräch kommen, sind sehr viel versprechend. Die „One-man- show“ hat auf lange Sicht ihre Zeit gehabt.
Baarlink: Vor allem ältere Gemeindeglieder – zugegebenermaßen mit abnehmender Tendenz! – fragen noch nach den Katechismusgottesdiensten, mit denen sie groß geworden sind. Seit Generationen wird in den altreformierten Gemeinden der Nachmittagsgottesdienst quasi für die „Gemeindekatechese“ genutzt. Aber dieses Interesse ist bei mittleren und erst recht jüngeren Jahrgängen gar nicht mehr vorhanden und auch schwer zu wecken. Zum Sonntagnachmittagsgottesdienst in meiner Gemeinde kommen „nur“ noch etwa 10% der Gemeindeglieder, die meisten im Rentenralter. Die Gemeinden ha- ben noch stets die Chance, mit dem Gottesdienst am Sonntagnachmittag oder –abend ein „zweites Programm“ anzubieten und diesem einen besonderen Akzent zu geben, etwa mit den Schwerpunkten Musik, Experimente (Jugendgottesdienste) oder eben Katechismus. Deswegen bemühe ich mich, immer wieder auch den Katechismus zur Sprache zu bringen.
Siller: Wird der Katechismus dabei fortlaufend, z.B. nach der im Katechismus angegebenen Einteilung für 52 Sonntage im Jahr zugrunde gelegt oder wird eine Auswahl vorgenommen?
Beuker: Ich bin bald 33 Jahre im Dienst und in der dritten (und gleichzeitig auch vierten) Gemeinde tätig: Ich habe den Heidelberger bald zehnmal fortlaufend und vollständig durchgepredigt. Für einen sonntagsweisen Durchgang benötige ich drei bis vier Jahre. Das bedeutet, dass die Gemeinde etwa jeden dritten oder vierten Sonntag eine Katechismuspredigt hört. Andere Kollegen lassen es langsamer angehen oder predigen den Katechismus in Auswahl. Ich möchte mich auch vor schwierigeren Fragen nicht „drücken“. Der Katechismus gibt mir Themen vor, die ich von mir aus nicht angesprochen hätte.
Baarlink: Es gibt natürlich Katechismusfragen, die ich gerne überspringe, da sie die große und unverzeihliche Gefahr in sich bergen, dass ich die Gemeinde mit meiner Predigt langweile. Einfacher ist dagegen eine Predigtserie zu den zehn Geboten oder zum Unser-Vater-Gebet, während die eher dogmatischen Sachverhalte als relevante Inhalte zugleich interessant zu präsentieren mir ausgesprochen schwer fällt. Wenn ich keine überzeugenden Anregungen dazu finde, gehe ich auf solche Fragen inhaltlich auch nicht näher ein. Aus diesem Grund habe ich bisher nicht alle „Sonntage“ des Heidelbergers fortlaufend durchgepredigt.
Siller: Kommt der HK im Gottesdienst auch an anderen Stellen vor?
Beuker: Ich bin zur Hälfte in der reformierten und zur Hälfte in der altreformierten Gemeinde in Laar tätig. Im reformierten Gottesdienst sprechen wir nach dem Eingangslied eine Frage des Heidelberger oder eine Barmer These gemeinsam. Viele Fragen kommen allerdings dabei selten oder nie vor. In einem der beiden altreformierten Sonntagsgottesdienste kommt immer das Apostolikum und das Gebet des Herrn vor. Von 1933 bis etwa 1980 wurden jeden Sonntagmorgen die Zehn Gebote im Gottesdienst als Weisung verlesen. Auch heute möchte man gerne wenigsten einmal im Monat die Zehn Gebote hören, eine Weisung ist fester Bestandteil der Liturgie am Sonntagvormittag.
Baarlink: Wenn es sich ergibt, wird hin und wieder auch eine Frage aus dem Katechismus etwa als Lesung in einem „normalen“ Gottesdienst verwendet. Und um den Heidelberger nicht ganz in die Nische des zunehmend schlechter besuchten zweiten Gottesdienstes abzudrängen sondern als Bekenntnis der ganzen Gemeinde zu würdigen, nutze ich immer mal wieder auch den Vormittagsgottesdienst, um in der Predigt auf eine Katechismusfrage einzugehen.
Siller: In der altreformierten Kirche nimmt man sich im Verhältnis zu anderen Kirchen mehr Zeit für den kirchlichen Unterricht. Bildung in der christlichen Lehre wird demnach als hohes Gut betrachtet.
Spielt in diesem Unterricht der HK eine Rolle? Wie setzen Sie ihn ein? Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit dem HK die Jugendlichen und jungen Erwachsenen erreichen können?
Beuker: Nach einem drei- bis vierjährigem Bibelunterricht folgen drei bis vier Jahre Bekenntnisunterricht. Ich habe die Themen des HK wie Einführung und Gebote, Apostolikum, Sakramente oder Gebet vielfach jährlich oder halbjährlich der Reihe nach behandelt. Weil die Konfirmanden so gut wie gar nicht mehr im zweiten Gottesdienst auftauchen, werden sie nur noch mühsam mit dem HK vertraut. Etwa ein Drittel bis ein Viertel der Heidelberger Fragen lernen Jugendliche in beiden Gemeinden nach wie vor auswendig.
Der zweite Gottesdienst greift im Idealfall die Themen aus dem KU wieder auf.
Baarlink: Ich nutze den Heidelberger in verschiedenen Altersstufen. Werden bei den ca. 15jährigen die zehn Gebote besprochen, dann behandeln wir auch die Frage, warum im Heidelberger die Auslegung des Dekalogs erst im dritten Teil „Von der Dankbarkeit“ erfolgt. Und wenn z.B. bei den 16jährigen die Sakramente dran sind, schauen wir auch in die entsprechenden Fragen und warum „Zeichen“ und „Siegel“ hilfreiche Definitionen sind.
In der letzten Gruppe, wenn die 17jährigen sich auf das Ablegen des Glaubensbekenntnisses vorbereiten, sprechen wir ausführlicher über den Glauben, und da kommen wir um Frage 21 nicht herum, dass zum „Vertrauen“ auch ein „Wissen“ hinzukommen muss und beide Seiten der Glaubens-Medaille sich bedingen. Das Auswendiglernen (so weit es uns noch gelingt, von Jugendlichen dieses zu fordern) beschränke ich maximal auf die Fragen 1, 2, 21, 29, 31, 32, 54, 55, 60 und 66.
Siller: Gibt es noch andere Bereiche in Ihrer Gemeindearbeit, wo der HK „gegenwärtig“ ist?
Beuker: Kaum. Selbst bei Beerdigungen sprechen wir lieber das Apostolikum als die Antwort eins aus dem Heidelberger.
Baarlink: In der Seelsorge kommt Frage 1 nach dem „einzigen Trost im Leben und im Sterben“ immer mal wieder vor: dass Christus der Handelnde ist - gegen mögliche Zweifel, ob man denn „genug“ geglaubt habe. Dann ist der zweite Teil der Antwort wichtig: dass wir Gott nicht aus der Hand fallen. Bezeichnenderweise heißt es dort nicht, dass mir kein Haar gekrümmt wird, sondern dass „kein Haar von meinem Haupt fallen kann“ – dass ich Gott also nicht aus der Hand endgleite.
Und schließlich ist auch der dritte Teil der Antwort immer wieder Thema: dass zum Glauben auch eine verantwortbare Lebenspraxis gehört - was es also heißt: „ihm zu leben“? Diese Frage 1 wird von mir bei Beerdigungen auch am Grab gesprochen. Und wegen der Präsenz des Heidelbergers in der älteren Generation taucht er manchmal, wenn auch selten im Themenplan des Männerkreises meiner Gemeinde (Alter: 60plus) auf.
Siller: Haben Sie in der örtlichen oder weltweiten Ökumene Erfahrungen mit dem HK gemacht?
Beuker: Ich habe vor über dreißig Jahren eine kurze Zeit in den USA gelebt und in den Christian Reformed Churches die „catechism classes“ kennen gelernt. Nach dem ersten Gottesdienst ging ein Großteil der Gemeinde in kleine Lern- und Unterrichtsgruppen in zwanzig oder dreißig Gemeinderäume. Kinder, Jugendliche und Erwachsene beteiligten sich in jeweils eigenen Gruppen und mit ei- genen Themen. Ein Kirchlicher Unterricht oder Konfirmandenunterricht in der Woche war unbekannt und ziemlich undenkbar.
Baarlink: Wir haben gute Kontakte zu reformierten Gemeinden nach Siebenbürgen und Ungarn und könnten wegen des Jubiläums unseres gemeinsamen Katechismus da etwas anstoßen. Ich entdecke in Ihrer Frage eine Anregung, die wir aufgreifen sollten, um Begegnungen auch mit solchen Inhalten zu füllen.
Siller: Gibt es Ihrer Einschätzung nach Unterschiede zwischen der altreformierten Gemeinde und der reformierten Gemeinde vor Ort hinsichtlich der Bekanntheit und des Gebrauchs des HK?
Beuker: Wer jeden Sonntag zwei Gottesdienste feiert, ist mit Bibel, Gesangbuch und Heidelberger besser vertraut als wer nur gelegentlich am Gottesdienst teilnimmt. Das gilt quer durch alle Kirchen. Eine rege Beteiligung an den Gottesdiensten kann das Interesse an Bibel und Bekenntnis verstärken.
Baarlink: Die reformierte Nachbargemeinde hat noch einen Frühgottesdienst jeweils am ersten Sonntag im Monat, der als Katechismusgottesdienst gefeiert wird. Die Teilnahme scheint ebenfalls abnehmend zu sein und sich auf ältere Gemeindeglieder zu konzentrieren. Die Entwicklung „weg vom Katechismus“ zumindest im kirchlichen Angebot und in der eigenen Frömmigkeit ist hier wie dort offensichtlich kaum aufzuhalten.
Siller: Was sind denn Ihre eigenen persönlichen Erinnerungen: Wann sind Sie zum ersten Mal bewusst mit dem Katechismus in Berührung gekommen?
Und mussten Sie Fragen auswendig lernen?
Beuker: Im Alter von 14 bis etwa 18 Jahren habe ich selber etwa vier Jahre Katechismusunterricht bekommen in einer Gruppe von 30 bis 50 Jugendlichen. Einige Teile des Heidelberger haben wir mehrfach, andere gar nicht „gelernt“. Wir werden etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Fragen auswendig gelernt haben. In den 1960er und 1970er Jahren wurde in meiner Muttergemeinde praktisch jeden Sonntagnachmittag aus dem HK gepredigt. Hängen geblieben ist davon bei mir nichts.
Baarlink: Ich erinnere mich an einen intensiven Katechismusunterricht in der Jugendzeit. Wir haben jeweils die Jubiläumsausgabe von 1963 erhalten und haben zu den einzelnen Fragen ausführliche Erklärungen ausgehändigt bekommen – damals noch auf Matrize getippt und mit Umdrucker vervielfältigt. Die Katechismusausgabe enthielt die Belegtexte, die wir in Auswahl zusätzlich zu den Fragen und Antworten auswendig lernen mussten. Welches Wissen über den Katechismus ich mir später im Studium und mehr noch im Rahmen der eigenen Gemeindearbeit erworben habe, kann ich nicht sagen – geprägt hat mich als angehenden Theologiestudenten der Unterricht mit Sicherheit (was die anderen damaligen Jugendlichen möglicherweise anders sehen).
Siller: Haben Sie „Lieblingsfragen“?
Beuker: Die Fragen 1, 21, 54 und 60 gehören zu denen, die ich am häufigsten zitiere. Wahrer Glaube ist Wissen und Vertrauen. Jesus Christus versammelt, schützt und erhält seine Gemeinde. Gerecht vor Gott sind wir allein durch den Glauben an Jesus Christus. Frage sechzig können Jugendliche heute sich nur sehr mühsam oder gar nicht einprägen.
Baarlink: Ich bespreche im Unterricht gerne die Fragen 31 und 32, um von den drei Ämtern Christi her zu überlegen, was es bedeutet, Christ zu sein: mit Ihm als König gegen das Böse zu streiten, auf Sein Hohepriesteramt zu reagieren und unsererseits für Ihn da zu sein. Und weil Er uns prophetisch bekannt macht, wie Gott „tickt“, können wir Anderen miteilen, was wir vom Evangelium begriffen haben.
Siller: Gibt es auch Fragen, die Sie weniger mögen? Sehen Sie Schattenseiten?
Beuker: Die Frage achtzig mit der Verurteilung der päpstlichen Messe wäre besser nie aufgenommen worden. Zu den Schattenseiten des Heidelberger gehört allgemein sein hohes Alter. Er bedarf dringend der Aktualisierung, die man nicht nur den einzelnen Predigerinnen und Predigern überlassen sollte.
Eine Stärke des HK ist, wie die von jedem guten Katechismus, dass er die Hauptthemen des christlichen Glaubens kurz und prägnant zusammenfasst.
Baarlink: Ich sehe gute Chancen des Heidelbergers, als wegweisendes Bekenntnis weiterhin wertvolle Dienste leisten zu kön-nen, auch wenn die Sprache spröde und wenig alltagstauglich erscheint. Dazu muss uns jedoch Material zur Verfügung gestellt werden, damit wir diesen „unseren“ Katechismus in Predigt, Unterricht und Seelsorge zukünftig intensiver nutzen können. Ich wünsche mir, dass der Reformierte Bund uns im Rahmen des anstehenden Jubiläumsjahres 2013 diesen Dienst leisten kann. Und vielleicht predige ich dann auch mal wieder über das Extra Calvinisticum* oder die Zwei- Naturen-Lehre...
Siller: Wie stellen Sie sich die Zukunft hinsichtlich des „Heidelbergers“ vor: Wird er weiterhin in der altreformierten Kirche bekannt bleiben und Bedeutung haben? Wünschen Sie sich manchmal einen neuen Katechismus?
Beuker: Ich hoffe, dass der Heidelberger weiterhin zur Grundausrüstung der reformierten und der altreformierten Kirche gehört – und bekannt wird. Er hat beide Kirchen Generationen lang geprägt und er prägt uns immer noch mehr und länger als wir selber wissen. Eine jugendgemäße Kurzfassung des Hei- delberger ist ein bislang unerfüllter Wunsch. Wer das umfangreiche und umfassende Wissen der Gemeinde vergangener Generationen nur „konservieren“ möchte, wird es verlieren. Weniger ist hier manchmal mehr. Eine Konzentration auf die wesentlichen und wichtigsten Teile des HK ist ein unerlässliches Stück reformierter Theologie. Der Katechismus ist für mich eine unverzichtbare Sprech- und Sprachübung des reformierten Glaubens.
Baarlink: Ich schließe mich den Ausführungen meines Kollegen Beuker an.
Siller: Vielen Dank für das Interview!
* Extra Calvinisticum: Ein Begriff aus der lutherischen Polemik im Zusammenhang der Streitigkeiten im 16. Jahrhundert über das Verständnis der Gegenwart Christi im Abendmahl
Weitere Informationen zur Ev.-altreformierten Kirche in Niedersachsen finden Sie unter http:// www.altreformiert.de/
aus: die reformierten.upd@te 11.2
Aleida Siller

